Der Feinbrand

Wir setzen das Poliertuch an, etwas ganz Feines weiter zu veredeln. Der Feinbrand ist die Zielgerade, zumindest für unseren Brennmeister, dessen Arbeit danach getan sein wird. Für uns, die wir noch die Auswahl der Lagerfässer vor uns haben, ist es ein weiteres Highlight auf dem Weg zu unserem großen Ziel.

Mein Gott, wie haben wir beim Rohbrand gelitten, mittelalterliche Folter muss ähnlich gewesen sein. Nicht, dass wir körperliche Schäden davon getragen hätten, aber das eigentliche Schmerzempfinden spielt sich bekanntermaßen sowieso im Kopf ab.

Man durfte nicht probieren, der gesamte Auswurf der Kolonnenanlage floss ohne Umweg in die Verschlusskammer.

Zuerst zum Rohbrand vom Münchner Malz.
Leichtes Kribbeln, weil ein ausgeprägter, kräftiger Malzton in der Atemluft lag und uns Assoziationen von einem Whisky mit einem typischen Aromenspektrum von Vanille bis zu grasigen, leicht floralen Noten bescherte.

Als später dann der Rohbrand mit dem heavy peated malt aus Schottland in der Kolonnenanlage brodelte, war alles zu spät und es gab kein Halten mehr. Abklatschen, nackte Euphorie, unbändiger Stolz. Wie soll man die Gefühlslage beschreiben, wenn der Siegtreffer in der 5. Minute der Nachspielzeit fällt?

Der Stein der Weisen, der heilige Gral und die ewige Flamme vom Olymp, wir hatten sie alle im Sack.

Rauch und Torf füllten den letzten Winkel in unserer Destille, man konnte diese Geruchswelt förmlich mit Händen greifen. Gefühlsmäßig wären wir in diesen Augenblicken gern in einen Kilt gestiegen, einfach nur, um dem Ergebnis unserer Bemühungen gebührend und mit Respekt zu begegnen.

In diesen Erinnerungen schwelgten wir noch als es an den Feinbrand geht. Zuerst heißt es, den Rohbrand von ca. 80 %Vol auf gute 40 %Vol Alkohol „herunter zu setzen“. Hört sich toll an, heißt aber nur, dass Wasser hinzu gefügt wird. Der Vorteil dabei ist, dass beim sich anschließenden Feinbrand die Fraktionen besser voneinander getrennt werden können.
Anders als im Bundestag heißen die Fraktionen in unserem Metier „Vorlauf“, „Mittellauf“ und „Nachlauf“. Sonst ist alles, wie in der Politik. Eine Fraktion kann man gebrauchen, die anderen vergessen, sonst kommt am Ende kein vernünftiges Ergebnis zustande. Vor dem Trennen der Fraktionen muss nur ordentlich Dampf unter dem Kessel erzeugt werden, denn wenn es richtig brodelt, trennt sich die Spreu vom Weizen, das Gute vom Schlechten.

Wir haben den Bundestag übrigens bereits wieder verlassen und sprechen schon wieder über unseren Whisky. Diese Feststellung nur, falls es noch nicht aufgefallen ist.

Große Brennblase

Brennblase: Kupfer 
Fassungsvermögen: ca. 850 Liter
Hersteller: Destillationstechnik Carl
Modell: einzigartig

Das sind die Eckdaten der Apparatur für den letzen Schliff, dem Feinbrand.

Erst vor wenigen Jahren wurde diese Brennblase nach ganz genauen Vorgaben unseres Brennmeisters konstruiert und aufgebaut. Nach Monaten der Produktion wurden noch einmal 3 Tage der Spezialisten des Brennblasenherstellers benötigt, um die Aufstellung und Montage zu bewältigen.

Die anschließende Abnahme durch den Zoll dauerte übrigens genauso lange. Typisch für Staatsdiener war die Einstellung, bloß keinen Fehler zu machen. So wurde die erste neu errichtete Brennblase in ihrem Besamtendasein sicherheitshalber lieber mit ein paar Plomben zuviel, als zu wenig versehen.

Es könnte ja Alkohol am Fiskus vorbei abgezapft werden. Unser Brennmeister hat nicht genau nachgezählt, schätzt aber die Anzahl der Staatssiegel auf 100 bis 120 Stück. Schön, dass wir so vor uns selbst beschützt werden.

Das Brodeln in der Brennblase.

Wir klopfen unserem Destillateur auf die Schulter, hatte er doch den Einfall, die Brennblase mit einem kleinen Guckfenster auszustatten, durch das wir nun dem munteren Brodeln zuschauen können.

Während wir gebannt unserem Whisky bei der Entstehung zuschauen, flitzt unser Brennmeister um uns herum. Hier muss der Druck kontrolliert, da die Temperatur reguliert und schließlich noch das eine oder andere Rädchen bewegt oder Ventil geöffnet werden.

Dann ist endlich alles gerichtet und wir sitzen zusammen, um ein bisschen zu fachsimpeln. Kaum ist etwas Ruhe eingekehrt, muss schon wieder gearbeitet werden. Unser Brennmeister trennt den Vorlauf ab und der Hauptlauf, das worauf wir es abgesehen haben, beginnt.

Später, nach dem Hauptlauf, wird er auch noch den Nachlauf abtrennen. Mit Blick auf die Temperatur, den Druck und den Alkoholgehalt, geschieht dies zielsicher. Ein letztes Zweifeln wird durch mehrere Geschmacksproben kategorisch ausgeschlossen.

Bei der Verprobung können wir noch mitreden, bzw. mitprobieren, das restliche Know-how wird dagegen nur von Destillateurmund zu Destillateurohr innerhalb der Familie weiter gegeben und uns auf ewig verschlossen bleiben.

Es war uns aber bereits vor dem Start dieses Whisky-Projekts klar. Wir haben den richtigen Mann am richtigen Ort für das richtige Produkt.
Während Vor- und Nachlauf mit nur 15-20% Alkohol und einem erheblichen Anteil an sogenannten „Fuselölen“ in den Orkus wandern, natürlich nur, nach dem Vater Staat noch einmal zu Besuch gewesen ist, ernten wir den fertigen Malzbrand mit guten 80 %Vol Alkohol.

Mehr als „Malzbrand“ darf sich unser Whisky noch nicht nennen, denn dazu fehlt ihm noch die Fassreife.

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